Wenn Männer zu schnell kommen - und die Sichtweise der Frau.

Die intravaginale Ejakulationszeit im Durchschnitt

 

Der erste Aspekt wird auch intravaginale Ejakulationszeit (oder kurz IELT) genannt und ist bei nichtbetroffenen Männern im Durchschnitt 8.4 Minuten, wohingegen Männer, welche unter vorzeitigem Samenerguss leiden, oft in weniger als 2 Minuten kommen. In manchen Fällen reicht auch schon die einfache Berührung aus, um einen vorzeitigen Samenerguss auszulösen.

 


Unterschiedliche Sichtweisen erschweren die Kommunikation des Paares
Unterschiedliche Sichtweisen erschweren die Kommunikation des Paares

 

Die Auswirkung auf Partnerschaft im Blickwinkel Mann und Frau

 

Die Sexualität ist ein zentraler Aspekt in romantischen Partnerschaften. Klinische und wissenschaftliche Studien haben wiederholt aufgezeigt, dass Beziehungszufriedenheit und sexuelle Zufriedenheit in Zusammenhang stehen. Anhaltende sexuelle Probleme, wie zum Beispiel der vorzeitige Samenerguss, können demzufolge eine enorme psychische Belastung darstellen und zu zwischenmenschlichen Schwierigkeiten sowie zu einer Reduktion der Partnerschaftszufriedenheit führen.

Die meisten Studien, welche die Auswirkungen des vorzeitigen Samenergusses untersuchten, haben sich vornehmlich der Sichtweise und des Leidensdrucks des Mannes angenommen.

So berichten zum Beispiel Betroffene vermehrt über zwischenmenschliche Beziehungsprobleme sowie Partnerschaftsstress im Vergleich zu Nichtbetroffenen und äußern zudem reduziertes Vertrauen in ihre sexuellen Fähigkeiten und in ihre Fähigkeiten als Liebhaber.

Im Zentrum steht hier vor allem die Angst vor dem Versagen und das Gefühl, die Partnerin nicht richtig befriedigen zu können, welche zu Vermeidungsverhalten sowie zur Reduktion oder sogar zum totalen Verzicht auf sexuelle Aktivitäten führen kann. Häufig wird aus Angst vor dem erneuten Versagen das Vorspiel verkürzt, was zu Schmerzen mangels ausreichender Stimulation und zum Ausbleiben des Orgasmus bei der Frau führen kann. Insofern kommt nicht nur der Belastung des Mannes eine wichtige Bedeutung zu, sondern auch der Sichtweise der Frau auf das Problem und der Kommunikation des Paares.

 

Denn während der Mann aufgrund der Unfähigkeit, seinen Orgasmus hinauszuzögern, Leidensdruck erfährt, leidet seine Frau mit – sexuelle Unzufriedenheit, Resignation und Selbstzweifel können die Folge sein. Dabei spielt es eine essentielle Rolle, wie das Paar mit dem Problem umgeht und das Problem von beiden Partnern erlebt wird. Für den vorzeitigen Samenerguss bedeutet dies, dass es als Partner-bezogenes sexuelles Symptom angesehen werden muss, da sich die Tragweite des Problems erst im physischen wie auch emotionalen Diskurs zwischen zwei Partnern vollständig manifestiert.

 


 

Die Frustration der Frau und die Sichtweise auf die Sexualität

 

Die Sichtweise der Frau und die Auswirkung des vorzeitigen Samenergusses auf ihre sexuelle und Beziehungszufriedenheit sind bisher jedoch kaum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen gewesen und werden auch heute noch von den Experten weitgehend ignoriert. Dabei liegt es auf der Hand, dass die Präferenzen und Ansichten der Frau dessen, was sie als optimale Koitusdauer ansieht und wie sehr sie durch eine als zu kurz erlebte Dauer belastet wird, eine ebenso wichtige Rolle spielen. So berichten Partnerinnen von Männern mit vorzeitigem Samenerguss über erhöhten sexuellen und persönlichen Stress und schätzen sogar den eigenen Leidensdruck und die Reduktion der Beziehungszufriedenheit höher ein als beim Partner.

 

 

Eine jüngste Umfrage hat sich genauer mit dem Thema befasst und die Sichtweise von Frauen in Bezug auf verminderte Ejakulationskontrolle und welche Aspekte sie dabei als besonders belastend erleben, genauer untersucht. Über 1500 Frauen aus Mexiko, Italien und Südkorea wurden befragt, von denen rund 40% angaben, dass die Ejakulationskontrolle sehr wichtig für befriedigenden Geschlechtsverkehr sei.

 

Der vorzeitige Samenerguss führte bei diesen Frauen laut Selbstaussage ebenfalls zu vermehrtem Leidensdruck und Stress. Dabei stellt sich heraus, dass nicht in erster Linie die kurze Zeitdauer des Liebesaktes allein von der Mehrheit als Hauptquelle des sexuellen Frustes angesehen wird, sondern der Umstand, dass der Mann so stark auf das Hinauszögern des Samenergusses fokussiert ist, dass er dabei ihre sonstigen sexuellen Bedürfnisse ignoriert und nicht auf ihre individuellen Wünsche einzugehen vermag.

 

 

Für die Mehrheit der Frauen besteht erfüllende Sexualität laut der Umfrage nämlich nicht lediglich aus Geschlechtsverkehr, sondern umfasst andere Aktivitäten wie Küssen, Stricheln, andere Formen von Stimulation, welche gleichermaßen als essentiell für eine befriedigende Sexualität erachtet werden.

 

Dadurch, dass der Mann vornehmlich mit seinem Problem und seiner eigenen Leistung beschäftigt ist, gehen diese Bedürfnisse unter. Der Geschlechtsverkehr richtet sich mehr und mehr nach der Zeit und nicht nach dem „wie mögen wir es und was tut uns gut“. Auf Dauer ist die Frau verzweifelt und frustriert und ähnlich wie der Mann, vermeidet auch Sie aus Furcht vor einer weiteren Zurückweisung und der Antizipation der daraus resultierenden Verletzung der eigenen Weiblichkeit zunehmend den sexuellen Kontakt und büßt damit an Lebensqualität ein. Zuletzt wird die Partnerschaft in Frage gestellt.

 

 

Dabei leiden vor allem die Frauen unter dem einseitigen Aufmerksamkeitsfokus des Mannes, welche nicht den Geschlechtsverkehr als zentralen Aspekt der Sexualität empfinden sondern eher die sexuelle Kreativität in den Vordergrund stellen. Interessanterweise ist eine lange Koitusdauer vor allem für die Frauen wichtig, welche keine Mühe haben zum Höhepunkt zu kommen. Für die Frauen, welche selten oder gar nie einen Orgasmus kriegen, ist die Koitusdauer nicht von zentraler Bedeutung. Viel mehr dient hier der sexuelle Akt dem Aufbau und Erleben von Intimität und Bindung, weshalb der vorzeitige Samenerguss von den Frauen zwar ebenfalls als belastend erlebt wird, die verminderte Dauer jedoch als weniger problematisch empfunden wird als die Unaufmerksamkeit des Partners auf die restlichen sexuellen Bedürfnisse.

 

 


Psychische Belastung und schlechte Kommunikation in der Beziehung

 

Aufgrund der starken psychischen Belastung der Frau und des angestauten Frustes endet so manchmal eine eigentlich harmonische Beziehung mit einer Trennung. Dies zeigt auch die erwähnte Umfrage. Ein Großteil der Frauen gab an, in früheren Beziehungen mit Partnern, die unter keinem sexuellen Problem litten, bedeutend zufriedener gewesen zu sein, was hauptsächlich damit zusammenhing, dass dem sexuellen Problem in der Beziehung einen zu großen Platz eingeräumt wurde. Darüber hinaus kam es laut Studienteilnehmern bei einem Viertel in der Vergangenheit bereits zum Bruch der Partnerschaft aufgrund des sexuellen Problems.

 

Denn die Konsequenzen sind oftmals weitreichender, als „lediglich“ sexuelle Unzufriedenheit, da es in Extremfällen eine Bedrohung für den Kinderwunsch bedeutet, wenn der Mann schon vor dem eigentlichen Geschlechtsverkehr ejakuliert.

 

Trotz der hohen Belastung sprechen Frauen aus Scham oder Unsicherheit selten mit ihrem Partner oder Bekannten und bleiben mit ihren Problemen allein. Dabei kommt der Partnerin eine wichtige Rolle zu, da viele Betroffene durch ihre Partnerin erst dazu ermutigt werden, sich Hilfe zu holen. Gleichzeitig ist es wichtig sich bewusst zu machen, dass die psychische Belastung nicht nur für den Mann sondern eben auch für die Frau hoch ist. Neben der medikamentösen Therapieoption können hier verhaltens- und sexualtherapeutische Maßnahmen den Raum bieten, sich mit dem sexuellen Problem gemeinsam auseinanderzusetzen, Ängste abzubauen und den Leistungsdruck zu mindern und so gemeinsam eine befriedigendere Sexualität zu leben.

 

 


 

Fakten  kurz  zusammengefasst.

 

Definition (laut American Psychiatric Association)

 

„Dauerhaft oder wiederkehrend auftretende Ejakulation bei minimaler sexueller Stimulation vor oder kurz nach dem Eindringen in die Vagina und bevor die Person es wünscht"

 

Häufigkeit

 

Die Häufigkeit ist definitions- und stichprobenabhängig. Statistiken sprechen von etwa 10-30% der Männer die darunter leiden, wobei es starke regionale und geographische Unterschiede gibt. Aufgrund des häufigen Schweigens der Betroffenen und einer somit erheblichen Dunkelziffer erscheint die Schätzung der WHO mit 20% als durchaus realistischer Wert.

 

Wer ist davon betroffen?

 

Ein vorzeitiger Samenerguss kann bei geschlechtsreifen Männern aller Altersstufen auftreten. Doch beginnt das Problem meist schon im jugendlichen Alter. Häufig verliert sich das Problem dann jedoch in der zweiten Lebensdekade. Die genetisch bedingte Form besteht seit Beginn der Geschlechtsreife, bedeutet jedoch nicht, dass diese schon von Anfang an zutage treten muss.

 

Ursachen

 

Ein vorzeitiger Samenerguss kann verschiedene Ursachen haben, die seit kurzer Zeit hinreichend geklärt sind. Neben psychischen (z.B. einschränkende Sexualerziehung, unrealistische Vorstellung von Sexualität, Versagensangst) und medizinischen Ursachen (andere Sexualstörung wie Erektionsprobleme, körperliche Erkrankungen) gründen alle Formen in einer neurophysiologischen Ursache.

 

Was tun?

 

Zur Therapie können je nach Ursache physische, medikamentöse oder psychotherapeutische Therapieansätze infrage kommen. Dabei ist es bei der Psychotherapie von Vorteil, wenn sich die Partnerin am Gespräch beteiligt und sie sich auch in die Therapie miteinbezieht. Eine erfolgreiche medikamentöse Behandlung, wirkt sich meist auch günstig auf psychische Begleitprobleme aus.